Edelstahl für Drehteile: austenitisch, ferritisch, martensitisch
Vier Familien, eine Werkstoffnummer und die Frage, ob das Teil am Magneten haftet: was Konstrukteure über Edelstahl wissen sollten, bevor sie anfragen.
Die Familien nach Gefüge
Edelstahl ist ein Sammelbegriff. Nach dem Gefüge, das beim Abkühlen entsteht, teilt man ihn in vier Familien, und das Gefüge bestimmt Magnetismus, Härtbarkeit und Verhalten bei Verformung.
| Familie | Magnetismus | Härtbarkeit durch Wärmebehandlung | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| austenitisch | weitgehend unmagnetisch | nein, nur durch Kaltverfestigung | gut verformbar, große Gruppe, enthält Nickel |
| ferritisch | magnetisch | nein | nickelarm, geringere Festigkeit |
| martensitisch | magnetisch | ja | hart und verschleißfest, geringere Beständigkeit |
| Duplex | magnetisch | nein | Mischgefüge, hohe Festigkeit |
Die Tabelle ordnet nur ein. Innerhalb jeder Familie gibt es viele Sorten mit unterschiedlicher Zusammensetzung, und nicht jede Aussage trifft auf jede Sorte gleich zu. Für ein Teil zählt die Werkstoffnummer, nicht die Familie, und für die Einschätzung im Einsatz das Datenblatt der Sorte.
Einordnung: DIN EN 10088, Einteilung der Edelstähle nach ihrem Gefüge; allgemeine Werkstoffkunde. Stand der Seite: 03.10.2026.
Werkstoffnummer statt Umgangsname
Für ein Angebot zählt die Werkstoffnummer, nicht der Umgangsname. „V2A“ und „V4A“ meinen zwei Gruppen innerhalb der austenitischen Familie und lassen offen, welche Sorte gemeint ist. Die Nummer nach DIN EN 10088 legt sie fest.
Eine Werkstoffnummer beginnt bei nichtrostenden Stählen mit 1.4. Die folgenden Ziffern bezeichnen die Sorte, und aus ihr ergeben sich die Familie und die Zusammensetzung. Wer die Nummer in die Anfrage schreibt, erspart sich die Rückfrage, die sonst vor jedem Angebot stünde.
Welche Sorte für welchen Einsatz geeignet ist, entscheidet die Konstruktion mit dem Datenblatt der Sorte. Eine Sortenliste gehört nicht auf diese Seite. Welche der angefragten Sorten sich liefern lässt, steht im Angebot.
- Nummer nach DIN EN 10088 in die Anfrage
- Lieferzustand angeben
- Umgangsnamen nur als Ergänzung
Magnetismus und Härtbarkeit
Ob ein Edelstahl am Magneten haftet, hängt von der Familie ab, und ein Magnetversuch taugt deshalb nicht dazu, die Sorte zu erkennen. Austenitische Sorten sind im Lieferzustand weitgehend unmagnetisch. Wird eine austenitische Sorte kalt verformt, kann ein Teil des Gefüges in Martensit umklappen, und das Teil zieht den Magneten leicht an. Bei ferritischen, martensitischen und Duplexsorten haftet der Magnet immer.
Härten lassen sich nur die martensitischen Sorten, durch Wärmebehandlung. Bei den austenitischen Sorten steigt die Festigkeit allein durch Kaltverformung. Für Konstrukteure folgt daraus: Wer ein hartes, verschleißfestes Drehteil braucht, schreibt eine martensitische Sorte und den Härtezustand in die Zeichnung. Wer ein korrosionsbeständiges, gut verformbares Teil braucht, wählt meist eine austenitische Sorte.
Den gewünschten Zustand und die Anforderung an die Härte nennen Sie in der Anfrage. Gilt eine Anforderung am Magneten, schreiben Sie Sorte und Zustand dazu, denn beides entscheidet über das Verhalten. Das Angebot nennt, was geliefert wird.
- austenitisch: im Lieferzustand kaum magnetisierbar
- nach Kaltverformung: leichter Magnetismus möglich
- martensitisch: magnetisch und durch Wärmebehandlung härtbar
Zerspanungsaufwand qualitativ
Edelstahl lässt sich anspruchsvoller zerspanen als Baustahl. Zwei Eigenschaften sind der Grund: Die Kaltverfestigung macht die bearbeitete Randschicht härter, und die geringe Wärmeleitung hält die Wärme dort, wo sie entsteht. Beides gilt besonders für austenitische Sorten.
Konsequenz für die Anfrage: Nennen Sie den Werkstoff genau, mit Nummer und Zustand. Sorten mit Schwefelzusatz sind für Drehteile anders zu beurteilen als Sorten ohne, und das Angebot kann nur bewerten, was in der Anfrage steht. Zahlenwerte zum Aufwand fehlen hier bewusst, denn sie richten sich nach Sorte, Form und Stückzahl.
- Werkstoffnummer und Zustand genau nennen
- Kleinserien: Stückzahl oder Staffel angeben
- Besondere Anforderungen an die Oberfläche in der Zeichnung vermerken
Lieferzustand: warum er in die Anfrage gehört
Der Lieferzustand beschreibt, wie das Halbzeug vor dem Teil vorliegt: wärmebehandelt oder kaltverfestigt, mit welcher Oberfläche, in welcher Form. Er ist Teil der Werkstoffangabe und keine Nebensache. Derselbe Werkstoff kann je nach Zustand unterschiedlich fest sein, sich unterschiedlich magnetisch verhalten und eine andere Oberfläche zeigen. Zwei Teile mit gleicher Werkstoffnummer sind deshalb nicht automatisch gleich.
In der Zeichnung steht der Zustand im Schriftfeld oder neben der Werkstoffangabe. Fehlt er, fragt das Angebot nach, und die Rückfrage kostet Zeit. Wer eine Anforderung an das Verhalten hat, etwa an die Festigkeit oder an die Magnetisierbarkeit, schreibt sie als Anforderung auf, statt sie vorauszusetzen.
Magnetismus ist ein Beispiel: Er taugt als Abnahmekriterium nur, wenn die Funktion ihn verlangt, etwa bei Sensorik in der Nähe des Teils. Als Nachweis für eine bestimmte Sorte taugt er nicht, wie der Abschnitt zuvor zeigt.
- Nummer: Werkstoffnummer nach DIN EN 10088
- Zustand: Lieferzustand des Halbzeugs
- Anforderung: Festigkeit, Magnetismus oder Oberfläche, falls für die Funktion nötig
Häufige Fragen
Nein. Austenitische Sorten sind im Lieferzustand kaum magnetisierbar, bei ferritischen, martensitischen und Duplexsorten haftet der Magnet. Kaltverformung kann auch austenitische Sorten leicht magnetisch machen.
Verfasst von der Evotec GmbH, Arnsberg · Stand 03.10.2026
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Werkstoffnummer und Zustand gehören dazu, das Ergebnis des Checks auf Wunsch ebenfalls. Was die Unterlagen noch offenlassen, klären wir im Vorfeld des Angebots gemeinsam mit Ihnen.